Mein Herz schlägt ein bisschen schneller, das Publikum hat Platz genommen und wartet leise tuschelnd auf den Beginn der Show – ich stehe bereit und werde gleich die Bühne betreten und mit meinem Clown Jule die Show eröffnen.
Heute ist es so weit, wir dürfen als Clownklasse BBA 18 zum zweiten Mal unsere Zwischenergebnisse im Rahmen unserer Ausbildung präsentieren. Freunde und Familie haben sich in den Räumlichkeiten der Clownsschule versammelt und warten gespannt.
Das Licht geht aus und die Musik beginnt. Das Publikum schaut neugierig auf die Bühne, doch Jule hat still und heimlich den Publikumseingang genommen – sucht mithilfe ihrer Landkarte den Weg zur Bühne.
Auf der Bühne eine Bank, eine Bank, die heute ganz besonders bespielt wird: Jeder Clown der Klasse wird hier gleich ein kleines Solo spielen – eine Vorgabe unseres Lehrers Timo Lesniewski, der vielen als „Monsieur Momo“ bekannt ist und uns als Klassenlehrkraft gemeinsam mit Stephie Höll wertvolle Erfahrungen aus seinem Clownwerden und Clownsein weitergibt.
Jule isst einfach eine Banane – nicht mehr und nicht weniger. Eine gar nicht so leichte Aufgabe, die mir bisher als Anika hinter der Nase im Rahmen von Übungen stets sehr schwer gefallen ist. Heute geht es ganz einfach – Jule hat sogar Spaß dabei. Gucken und essen – wirkich nicht mehr. Und Schwups ist die Szene dann auch schon wieder vorbei. Jule lässt die Bananenschale zurück und verschwindet mit Koffer und Karte hinter dem Vorhang, aus dem jetzt nacheinander alle Clowns zu ihrem Solo erscheinen. Ich liebe diese Szene und sähe sie gerne als Publikum.
Zum Abschlussbild der Szene ist Jule wieder zurück und nimmt wie alle anderen Clowns auf und neben der Bank Platz – als Spielende merke ich, wie gerne mein Clown die anderen Clowns beobachtet und da, wo es sich ergibt, mit ihnen in Kontakt komm – mit einem wachen Blick, Neugierde und Staunen.
Noch in der Figurenwerkstatt war ich über die Schüchternheit von meinem Clown Jule auf der Bühne überrascht – sie hat mich damals als Spielerin hinter der Nase regelrecht irritiert. Heute merke ich, sie ist gar nicht so schüchtern – sie mag einfach das Sein im Augenblick, beobachtet unglaublich gerne und braucht dafür nicht viel.
Auf der Bühne zu sein und nur wenig zu machen, ist gar nicht so einfach. Ich spüre es in meiner zweiten Szene, ein Gesangssolo, dass sich durch kurzfristige Änderungen ergeben hat. Mit Saxophonbegleitung singe ich das mir vertraute Lied ,,Das gibt´s nur einmal“ von Lilian Harvey.
Direkt vor meiner Szene haben meine wunderbaren Mitclowns eine fulminante Tanzszene präsentiert und damit das Publikum zum Ausflippen gebracht. Während sie unter einem tosenden Applaus die Bühne verlassen, denke ich auf meinen Auftritt wartend: „Wie dumm bin ich eigentlich, nach so einer vermeintlichen Finalnummer nochmal mit einem ruhigen und verträumten Gesangssolo auf die Bühne zu gehen?!“. Mir bleibt nichts anderes, als dem Augenblick und der Dramaturgie der Show zu vertrauen – die innere Kritikerin wird ausgeschaltet und ich nehme den Augenblick, wie er ist!
Diese Show lehrt mich im Nachgang so viel: Erfahrungen im Spielgefühl beim Geben eines Showrahmens mit „Opening“ und „Cool Down“; Bedeutsamkeit von Mimik in ruhigen Szenen; Sicherheiten, die durch Proben und gute Absprachen entsteht; Umgang mit vermeintlichen Fehlern; Bedeutung von Positionierungen auf der Bühne; Umgang mit verschiedensten Publikumsreaktionen – und die Erkenntnis, dass mein Clown Jule auf der Bühne einfach ein poetischer Clown ist!


