Sichtweisen eines Clowns

Jule und Oskar besuchen die Ausstellung „Trauer und Trost“ in der Handwerksform Hannover. Sie sind zur Ausstellungseröffnung geladene Gäste und dürfen sich, wie alle anderen Besuchende auch, in den Ausstellungsräumen bewegen und die vielfältigen Exponate in Augenschein nehmen. Das besondere: In ihrem Wandelgang durch die Ausstellung werden sie selbst zu einem bewegten Exponat – ein Exponat, das zum Beobachten und Fotografieren einlädt und mit dem auf individuellen Wunsch sogar in Kontakt gegangen werden kann.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen handwerkliche und künstlerische Arbeiten, die für einen achtsamen, offenen und individuellen Umgang mit Abschied, Verlust und Erinnerungen sensibilisieren wollen.

Als Timm und Anika nehmen wir uns am Nachmittag ausreichend Zeit und besichtigen die Ausstellung – die Türen der Ausstellung sind noch geschlossen. Wir betrachten jedes einzelne Exponat und lesen die vorhandenen Texttafeln, lassen die Exponate auf uns wirken, gehen in den Austausch, teilen Eindrücke und sprechen über unsere Empfindungen. Wir lassen uns bewegen und bekommen eine Idee davon, welche Gefühle und Gedanken die Besuchenden am Abend haben könnten, wenn sie die Ausstellung besuchen und die Exponate betrachten. Auch die Kenntnis der räumlichen Gegebenheiten ist für uns am Abend zur Orientierung wichtig.

Abends wird die Ausstellung im großen Saal eröffnet. Erst als alle Reden gehalten sind erscheinen Jule und Oskar im Saal. Wie im Vorfeld abgesprochen, werden die Clowns für alle Anwesenden als besondere Gäste vorgestellt – als Gäste, die ebenfalls durch die Ausstellung gehen und gerne angesprochen werden dürfen, wenn jemandem danach ist. Eine solche Vorstellung ist uns als Spielenden hinter den Nasen ganz wichtig! Gerade an Orten, an denen Menschen keine Clowns erwarten, müssen sie die Möglichkeit bekommen über die Anwesenheit von Clowns informiert zu werden – nicht jeder Mensch mag Clowns, gerade auch in diesem sensiblen Themenfeld.

Jule und Oskar dürfen den Gästen den Weg zu den im Erd- und Untergeschoss liegenden Ausstellungsräumen zeigen. Anschließend gehen die beiden erst einmal in ein gemeinsames Spiel als Duo – gewahr, dass Gäste stehen bleiben, sie in ihrem Tun beobachten und hier und da ein Foto machen. Die beiden bewegen sich langsam und bedächtig durch die Ausstellung – große und schnelle Aktionen passen hier heute nicht zu diesem Spielort. Auf ihrem Weg durch die Ausstellung werden sie dann auch immer wieder direkt angesprochen und an vielen Stellen um gemeinsame Fotos gebeten. Gerade auch an einem Grabstein mit Murmelbahn kommen sie immer wieder ins gemeinsame Spiel und den Austausch mit Gästen.

Beim Gang durch die Ausstellung passiert für uns als Spielende hinter den Nasen etwas besonderes – Jule und Oskar sehen und spüren noch ganz andere Dinge als Timm und Anika bei ihrem Rundgang am Nachmittag. Vor den Exponaten mit Kerzen sind Jule und Oskar wirklich irritiert, warum die Kerzen nicht angezündet sind. Oskar hat zum Glück seine unsichtbaren Streichhölzer dabei und zündet ganz behutsam und aufmerksam von Jule betrachtet, jede einzelne Kerze an. Ein Feld aus Tüll-Mohnblumen wird durch sachtes Pusten in Bewegung gesetzt. Kleine Puppen in leidvollen Situationen rühren Jule zu Tränen. Ausgestellte Taschen laden Oskar dazu ein, seinen Koffer ebenfalls ausstellen zu wollen. Und eine sehr pinke Urne mit Glitzerschmuck findet Jule einfach nur großartig.

Jule und Oskar haben vielleicht nicht nur Timm und Anika neue Sichtweisen geschenkt, sondern auch Gästen gezeigt, dass ein behutsames und poetisches Clownsspiel auch im Kontext von Trauer und Trost möglich ist.

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