Ein Clown auf dem Friedhof – aus dem Reistagebuch von Anika

Es ist faszinierend, wie die Menschen in unserem Umfeld Anteil an unserer Clownreise nehmen. Hier ein Gruß, da ein kreativer Impuls – und manchmal auch ein Link mit einem kurzen Kommentar.

„Hey Anika, ein Thema für Dich! Liebe Grüße, Uwe“ erreichte mich als E-Mail mit einem Link. Dieser führte mich zu einem Artikel über die Clownin „Finovo“, die einmal die Woche in Erfurt auf dem Hauptfriedhof ehrenamtlich unterwegs ist und durch ihr bloße Anwesenheit eine ganz besondere Form der Trauerbegleitung anbietet.

Ganz plötzlich wurde mir durch das Lesen des Artikels ein Erinnerungsfenster geöffnet – ich sehe eine Welt, die mir vertraut ist und mit der ich groß geworden bin.

Als Kind der Familie Spiekermann habe ich in meinem Großwerden viel Zeit im Familienbetrieb verbracht – einer Werkstatt für Natursteingestaltung mit dem dazugehörigen Grabsteingeschäft an einem Friedhof.

Als Kind konnte ich die Grabsteine für meine verstorbenen Haustiere selbst herstellen. Zwischen den Grabsteinen in der Ausstellung auf dem Werkstatthof durfte ich mich nicht aufhalten und habe es doch getan – Walnüsse sammelnd staunte ich über Steine, die irgendwann auf Gräbern stehen sollten. Ich lernte leise zu sein, wenn Kunden im Haus waren. Es war für mich normal im Grabsteingeschäft mit meiner Oma zu sitzen und zwischendurch mal zu den benachbarten Gärtnereien zu gehen, um kleine Gestecke aus verblühten Blumen vom Komposthaufen zu gestalten. Häufig ging es mit meiner Oma über den Friedhof zu einem Spaziergang – Standorte für Grabsteine begutachten. Manches Mal hüpfte ich als Kind über das ein oder andere Grab – auch wenn meine Oma mit einem strengen Blick dann stets für Unterlassung sorgte.

Ein Clown auf einem Friedhof – wie Menschen das wohl finden? Ich kenne so viele unterschiedliche Clowns, nicht jeden kann ich mir auf dem Friedhof und in der Trauerbegleitung vorstellen.

Trauerrituale können so individuell sein, wie Menschen verschieden sind. Was für die einen eine willkommene Innovation in der Trauerkultur ist, kann von anderen als pietätlos verstanden werden. Es geht um das Achten von Grenzen und das Erlauben von neuen Elementen in der Trauerkultur – ein Spannungsfeld zwischen ritualisierten Traditionen und kreativen Möglichkeiten.

Und ich komme gedanklich wieder an einen Punkt, über den ich bereits in einem früheren Blogbeitrag nachgedacht habe: Was macht es mit Menschen, wenn sie an einem Ort, wo sie erstmal keinen Clown erwarten, diesem dann doch plötzlich begegnen (könnten)? Wie kann ich einen öffentlichen Raum gestalten, in dem Menschen sich sicher fühlen und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse Berücksichtigung finden können? (Lest zu diesem Gedanken gerne auch ergänzend den Blogbeitrag „Angst vor Clowns„.) Wie können Räume aussehen, in denen neue und ungewohnte Trauerelemente ausprobiert werden können, ohne Menschen zu überfordern? Welche Absprachen und Ankündigungen braucht es, um Transparenz zu schaffen und Menschen behutsam an neue Möglichkeiten heranzuführen?

Da ich mich als Anika auf Friedhöfen grundsätzlich sehr wohlfühle und bei der Leeren Wiege Hannover e.V. als Gruppenleiterin eine Zeit lang Menschen auf ihrem Trauerweg begleiten durfte, fällt es mir als Spielerin hinter der roten Nase leicht, mir den Wirkungsraum Friedhof für meinen Clown vorzustellen. Gerade im Gedenken an verstorbene Kinder finde ich den Clownbesuch auf einem Friedhof sehr tröstlich. (Lest passend zu diesem Themenkomplex auch unseren Blogbeitrag „Gedanken – Jule & Oskar als Wegbegleiter auf Lebenswegen„)

Da mein Clown Jule überall hinreisen mag, wo Menschen sind, warum sollte sie nicht auch mal staunend einen Friedhof erkunden. Im Verständnis ein poetischer Clown zu sein – ein Charakterclown, der nicht vorgefertigte Nummern abspielen möchte, sondern dem Impuls im Jetzt folgt, sich vom Kontakt im Augenblick finden lässt, keine Sprache zur Kommunikation braucht und den Raum bewusst einbezieht – scheint ein Friedhof für einen Besuch durchaus passend.

Es ist so wertvoll, wenn Menschen ihre Ideen und Impulse rund um das Thema Clown mit uns teilen – ein wirklich toller Artikel, der uns so erreicht hat! Ein wirklich mutiger Schritt, ein solches Projekt auszuprobieren und zu implementieren. Es ist sehr inspirierend. Vielen Dank!

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